Seit dem Jahr 2017 wurden in der Rostocker Marienkirche durch die Innenstadt- bzw. Jakobus-Gemeinde Versuche durchgeführt, die Vierung der Kirche – den Kreuzungspunkt zwischen Lang- und Querhaus – als liturgischen Ort zu erkunden. Die Richtung des vorhandenen Bankgestühls und große Distanzen ließen die vorausgehende Praxis mit einem Tischaltar im Chorraum und der Gemeinde in den Bänken des Hauptschiffs unbefriedigend erscheinen. Zuletzt wurden nach befristeter Zustimmung des Landesdenkmalamtes einige Bankreihen an der Kanzel abgebaut und auf dem freigewordenen Podest provisorische Prinzipalstücke (Altar, Ambo/Lesepult) aufgestellt.
Die Erfahrungen und vergleichende Versuche an anderen Stellen der Kirche ermunterten zur Vertiefung der Suche nach einer gediegenen Lösung an dieser Stelle. So wurde im Februar 2026 durch die Kirchengemeinde an fünf Architektorbüros bzw. Künstler eine Einladung zur Teilnahme an einem Ideenwettbewerb ausgesprochen. Folgender Auszug aus der Auslobung beschreibt das Ziel:
“Die Evangelisch-Lutherische Jakobus-Kirchengemeinde Rostock hat den Vierungsbereich der St. Marienkirche in Rostock als geistliches und räumliches Zentrum der Gemeinde etabliert. Seit 2018 wird dort ein provisorischer Altarbereich genutzt, der nun dauerhaft als zentraler Ort für Gottesdienste gestaltet werden soll.
Das Ziel der Kirchengemeinde ist es, diesen Bereich in der Vierung als einen vollwertigen und ästhetisch ansprechenden liturgischen Ort zu erleben. Dabei soll auch ein Podest so barrierefrei konzipiert werden, dass die neue Gestaltung sowohl bei der Nutzung der gesamten Kirche als auch bei einer Teilraumnutzung ästhetisch und funktional überzeugt.
Zu diesem Zweck lobt die Kirchengemeinde einen Wettbewerb für Künstlerinnen und Künstler sowie Innenarchitektinnen und Innenarchitekten aus, der die Neugestaltung des Ortes und der Prinzipalstücke umfasst.”
Am 1. Juli 2026 fand die Preisgerichtssitzung statt. An ihr nahmen als stimmberechtigte Mitglieder des Preisgerichts teil:
Fachpreisrichter:innen:
1. Prof. Dr. Ing. Arnd Hennemeyer, Architekt (Hochschule Wismar, Fakultät Gestaltung, Berufungsgebiet: Welterbe-Studien und baukulturelles Erbe)
2. Christine Johannsen, Architektin, Hamburg
3. Dr. Maria Pulkenat, Kirchenpädagogin, Rostock
4. Dr. Dirk Jonkanski, Konservator i.R., Schleswig-Holstein
Sachpreisrichter:innen:
1. Frau Elisabeth Meyer, Pastorin an St. Marien
2. Herr Benno Gierlich, Küster an St. Marien
3. Herr Dr. Christian Wirkner, Mitglied des Kirchengemeinderats der Ev.-Luth. Jakobus-Kirchengemeinde Rostock
Nicht stimmberechtigt nahmen als Sachpreisrichter-Stellvertreter oder als Berater teil:
Karl-Bernhardin Kropf, Kirchenmusiker an St. Marien
Bastian Hacker, Vertreter des Fördervereines, im Auftrag des Kirchengemeinderates
Jens Amelung, Konservator, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern
Dirk Fey, Propst im Kirchenkreis Mecklenburg
Die Wettbewerbsorganisation lag in der Hand von Julia Ahnert, Referat Bau und Denkmalpflege der Nordkirche, wo auch die Vorprüfung durch Lea Petrat und Thorsten Plath durchgeführt wurde. Zum Vorsitzenden des Preisgerichts wählten die Mitglieder Prof. Hennemeyer.
Im Fokus der Bewertung lagen folgende Kriterien:
• Gestalterische Qualität
• Umgang mit dem Bestand
• Umsetzung der Aufgabenstellung
• Liturgische Eignung
• Realisierbarkeit innerhalb des Budgets
• Nutzbarkeit, Dauerhaftigkeit, Nachhaltigkeit
Die Kirchengemeinde ist in der Umsetzung der Wettbewerbsergebnisse nicht an das Urteil der Jury gebunden.
1. Preis: Matthias Schmidt, Architekt, Hamburg
Aus der Jury-Wertung:
Das Preisgericht würdigt den Entwurf als einen herausragenden Wettbewerbsbeitrag von hoher gestalterischer und künstlerischer Qualität. Die skulpturale Ausformulierung der Prinzipalien verleiht den liturgischen Orten eine eigenständige und zugleich prägnante Präsenz. Der Entwurf erfüllt die Aufgabenstellung in überzeugender Weise und entwickelt eine klare konzeptionelle Haltung, die sich konsequent durch alle Elemente zieht. Besonders positiv hervorgehoben wird die eindeutige Formensprache, die den Objekten eine hohe Eigenständigkeit verleiht und sie zugleich selbstverständlich im sakralen Kontext verortet.
Intensiv diskutiert wird die Material- und Farbkonzeption des Podestes. Insbesondere die vorgesehene massive schwarze Ausführung wird im Hinblick auf den denkmalpflegerischen Kontext kritisch hinterfragt. Da die Plandarstellungen überwiegend graue Oberflächen zeigen, lässt sich die beabsichtigte räumliche Wirkung des schwarzen Materials nur eingeschränkt nachvollziehen. Auch die Visualisierungen beantworten wesentliche Fragen zur tatsächlichen Erscheinung des Entwurfs nicht abschließend. Darüber hinaus werden die Materialwirkung und die Präsenz des Podestes eingehend erörtert. Seine monolithische Ausbildung verleiht dem Entwurf zwar eine starke räumliche Identität, lässt das Podest jedoch sehr dominant erscheinen. Ebenso bleiben Fragen zur Materialtextur sowie zur beabsichtigten Korrespondenz mit dem historischen Bodenbelag in den Unterlagen unbeantwortet. Dadurch können wesentliche Aspekte der Entwurfsidee und ihrer Einbindung in den Bestand nicht abschließend beurteilt werden. Auch die Plandarstellung insgesamt erschwert an einzelnen Stellen das Verständnis der räumlichen und konstruktiven Konzeption.
Ungeachtet dieser offenen Fragen überzeugt der Beitrag durch seine konsequente gestalterische Haltung, seine hohe künstlerische Qualität und die überzeugende liturgische Ausarbeitung.
2. Preis: Sinnobjekte, Atelier für Gestaltung Andreas Kasparek, Hamburg
Aus der Jury-Wertung:
Das Preisgericht würdigt den Entwurf als einen Beitrag von hoher gestalterischer Qualität, der durch seine präzise Ausarbeitung und seine handwerklich überzeugende Durchbildung besticht. Die sorgfältige Detaillierung sowie die nachvollziehbare Konstruktion lassen eine hohe Umsetzungsqualität erwarten und verleihen dem Entwurf eine überzeugende Selbstverständlichkeit. Besonders positiv bewertet wird der zurückhaltende Umgang mit dem Kirchenraum. Der Entwurf verfolgt einen minimalinvasiven Ansatz und respektiert den historischen Bestand in hohem Maße. Die neuen Prinzipalien fügen sich selbstverständlich in den Raum ein und entwickeln ihre Wirkung, ohne die vorhandene Architektur zu überlagern.
Diskutiert wird die Vielzahl der den einzelnen Stücken zugewiesenen Funktionen. Das Preisgericht sieht darin die Gefahr einer gestalterischen und funktionalen Überfrachtung des Gesamtobjekts, wobei die Eigenständigkeit der liturgischen Prinzipalien an Klarheit verliert. Es wird darauf hingewiesen, dass eine Umsetzung dieses Entwurfs sich tiefgreifend auf den liturgischen Ablauf auswirkt. Gemeinde und Zelebranten als Nutzer müssten daher im weiteren Planungsprozess nochmals über den liturgischen Ablauf und die Gewichtung der einzelnen Funktionen, sowie ihre Offenheit gegenüber Änderungen reflektieren.
Insgesamt überzeugt der Entwurf durch seine hohe gestalterische Qualität, seine handwerkliche Durcharbeitung und seinen sensiblen Umgang mit dem Bestand. Das Preisgericht sieht hierin einen außerordentlich qualitätsvollen Wettbewerbsbeitrag, der aufgrund seiner konzeptionellen Klarheit und seiner zurückhaltenden Haltung mit zu den überzeugendsten Arbeiten des Verfahrens zählt.
3. Preis: Zink.Gensichen. Gestaltung, Gerichshain
Aus der Jury-Wertung:
Das Preisgericht würdigt den Entwurf aufgrund seines überzeugenden Umgangs mit den Themen Mobilität und Wandelbarkeit. Die Möglichkeit, die Prinzipalien an unterschiedliche liturgische Vorstellungen anzupassen, wird als qualitätsvoller Beitrag zu einer zeitgemäßen Kirchenraumnutzung bewertet. Positiv hervorgehoben werden zudem die sorgfältig gewählte Materialität und Farbigkeit sowie der respektvolle Umgang mit dem vorhandenen Bestand. Der Entwurf entwickelt daraus ein stimmiges Gesamtbild und weist eine angemessene liturgische Eignung auf.
Die Vielzahl der nachgewiesenen Stell- und Anordnungsmöglichkeiten auf dem Podest wird andererseits auch kritisch diskutiert. Die große Variabilität führt aus Sicht des Preisgerichts dazu, dass der konzeptionelle Ansatz an Klarheit verliert und die räumliche Setzung der Prinzipalien zu wenig bestimmt erscheint. Die Offenheit des Systems wird zwar grundsätzlich anerkannt, sie wirkt in der vorliegenden Ausarbeitung jedoch stellenweise beliebig. Auch der Aufwand für die Umpositionierung der Elemente wird hinterfragt. Die vorgesehene Mobilität erfordert teilweise den Einsatz von zwei bis vier Personen, wodurch die angestrebte Flexibilität im praktischen liturgischen Gebrauch eingeschränkt erscheint.
Insgesamt stellt der Entwurf einen qualitätsvollen und sorgfältig ausgearbeiteten Wettbewerbsbeitrag dar. Seine gestalterischen und liturgischen Qualitäten überzeugen das Preisgericht und rechtfertigen die Aufnahme in die engere Wahl. Gleichzeitig verhindern die fehlende konzeptionelle Festlegung sowie die nur eingeschränkt praktikable Mobilität eine noch bessere Bewertung.
Mit dem 4. bzw. 5. Preis prämiert wurden:
Baustudio Rostock / Peggy Kastl
Aus der Jury-Wertung:
Das Preisgericht würdigt den Entwurf für seinen erkennbaren Anspruch, eine zurückhaltende und selbstverständliche Gestaltung der liturgischen Elemente zu entwickeln. Die angestrebte Schlichtheit stellt einen konsequenten gestalterischen Ansatz dar. Im Verlauf der zweiten Wertungsrunde gelangt das Preisgericht jedoch zu der Einschätzung, dass dieser konzeptionelle Ansatz in seiner räumlichen und gestalterischen Umsetzung nicht hinreichend nachvollziehbar wird. Die zugrundeliegende Idee der Materialbearbeitung und Formgebung als
christliches Symbol erschließt sich aus dem Entwurf heraus nicht in dem Maße, dass sie ohne weitergehende Erläuterung verständlich und überzeugend wäre.
Darüber hinaus wird angemerkt, dass die liturgische Mitte des Kirchenraums nach Auffassung des Preisgerichts nicht ausreichend herausgearbeitet ist, da sich die Anordnung der Elemente eher auf den Bereich in ihrer Nähe als auf die Mitte selbst bezieht. Auch die Materialwahl des Linoleums für das Podest vermochte die Mehrheit des Preisgerichts hinsichtlich ihrer Wirkung im räumlichen und gestalterischen Gesamtkonzept und der Beständigkeit angesichts von Kondenswasser in den Wintermonaten nicht zu überzeugen.
Holger Stark, Rostock
Spruch der Jury:
Das Preisgericht würdigt den Entwurf für seinen eigenständigen gestalterischen Ansatz und die
erkennbare Auseinandersetzung mit dem historischen Kirchenraum.
Im Verlauf des zweiten Wertungsganges gelangt das Preisgericht jedoch zu der Einschätzung, dass die
gewählte Materialität der liturgischen Objekte im Kontext des denkmalgeschützten Raumes eine sehr
starke Präsenz entwickelt und gegenüber dem Bestand zu dominant wirkt. Auch der konzeptionelle
Bezug zum Kreuz des Südfensters konnte in der Diskussion nicht in ausreichendem Maße
nachvollzogen werden und vermochte das Preisgericht nicht zu überzeugen. Darüber hinaus wird die
Kombination der Materialien Neusilber und Acrylglas hinsichtlich ihrer gestalterischen Wirkung kritisch
beurteilt.





















